Küchensession #181 | Peter Piek

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KÜCHENSESSION #62 von 2012 mit PETER PIEK

Der Versuch, ein Schiffstau durch ein Nadelöhr zu fädeln, mag vielen völlig idiotisch erscheinen. “Kultverdächtig” möchte heute dennoch jenes Experiment wagen und das Unmögliche möglich machen. Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen, dass man ihm und seinem Schaffen am Ende absolut nicht gerecht werden kann, setzte ich mich an das Portrait eines Künstlers, dessen Lebenslauf derartig umfangreich ist, dass man wahrlich ein ganzes Buch damit füllen könnte. Er ist auf den vielen verschiedenen Ebenen des Künstlerdaseins zu Hause, gibt sich nicht mit Eindimensionalität oder gar Kleinkariertheit zufrieden. Nein, wir haben hier ein wahres Multitalent an der Angel, welches stets gegen den Strom des Mainstreams schwimmt und sich nun in jenem Netz verfangen hat, das “Kultverdächtig” seit über acht Monaten im musikalischen Ozean gespannt hat. Wir präsentieren: Freigeist Peter Piek.
Was bedeutet Musik für dich?
„Kann ich nicht sagen. Musik ist Wahnsinn.“
Wir werden Peter Piek wohl nie in seiner Gänze begreifen können. Ist es doch generell schon töricht zu glauben, man wäre dazu in der Lage, einen Menschen und dessen Persönlichkeit vollkommen zu ergründen. Deswegen möchten wir die Kunst als solche sprechen lassen, sozusagen als Spiegel der Seele. Im Laufe der Jahre hat Peter Pieks Kreativität zu einer wahren Flut an Bildern, Songs, Texten und anderen Erzeugnissen geführt. Ohne Unterlass sprudelt es, seit seiner frühsten Kindheit, aus dem 1983 in Chemnitz geborenen Piek heraus. Genau dieser ungefilterte Fluss an wahrem Schöpfergeist ist es auch, der Peter Piek als Person gleichzeitig unheimlich interessant macht. Er liebt es, nicht groß überlegen zu müssen, sondern seinen Gedanken freien Auslauf zu gewähren. Das führt dann schon mal dazu, dass man mit einer einzigen Frage eine Grundsatzdiskussion über den Sinn des Lebens anstößt. Und ist das nicht irgendwie auch Kunst? Sich mit sich selbst, seiner Umwelt und der darüber thronenden, diffusen Komplexität des Existierens auseinanderzusetzen? Nun, die Antwort darauf muss wohl ein jeder für sich selbst finden.
„Das Leben sollte unsere Maxime sein. Kunst ist Leben. Ich bewerte mein eigenes Schaffen nicht. Ich schaffe Bilder, damit sie existieren. Ich hoffe, dass sie ein Leben bekommen können fernab von mir. Aber das weiß ich nicht und es liegt auch nicht in meiner Kraft. Ich schaffe, weil ich es kann und weil es Spass macht und weil es meinem Leben so etwas von Sinn gibt.“
Wie sah das Leben des jungen Peter Piek aus? Womit verbrachte er seine Zeit? Wie bereitete er sich auf seine spätere Karriere vor?
“Als ich ganz jung war, hab ich viel geschwiegen. Ich war sehr leise. Versunken in Momenten. Licht ist mir in Erinnerung. Farben. Ich bin viel gelaufen, also zu Fuß gegangen. Ich war viel draußen in der Natur. Ich habe nie Computer, stattdessen aber viel im Dreck gespielt. Ich lag viel auf Dächern herum und hab mir Sterne angesehen, und hab versucht, das Universum zu begreifen. Habe das natürlich nie geschafft. Aber Scheitern ist nicht gleich Scheitern. Es bedeutet auch, zu wachsen und zu erkennen. Ich war viel alleine. Das hat mich aber nie gestört.”
Wie ein Schwamm saugt der junge Peter auf, was ihm seine Umgebung anbietet. Ob es eine Lichtreflexion an der Wand ist oder die Finsternis einer Zimmerecke, überall entdeckt er Quellen der Inspiration. Mit einem toleranten und liebenden Elternhaus im Hintergrund erhält Peter die Möglichkeit, sich ausgiebig ausprobieren zu dürfen. Das führt schnell dazu, dass er neben Farben und Pinsel, auch gern zu den unterschiedlichsten Instrumenten greift. Bereits im Alter von zehn Jahren sieht man ihn so abwechselnd hinter der Gitarre, dem Schlagzeug oder dem Klavier. Dass er sich verschiedenen Bands anschließen und sich auch im Songwriting versuchen würde, war da nur eine Art logische Konsequenz. Mit schier unbändiger Energie stürzt sich der Heranwachsende von einem Abenteuer in das nächste. Dabei hinterlässt er eine regelrechte Spur der originellen Verwüstung, ein Kabinett voller Zeugnisse für seinen unersättlichen Hunger nach geistiger Befriedigung.
Kennst du Momente, in denen die Muse dich absolut nicht zu küssen scheint? Wenn dem so ist, wie gehst du dann dagegen vor?
“Es kommt mir nie so vor, als ob mich die Muse küsst. Es sei denn, die Muse ist eine personifizierte Muse. Dann schon. Entweder man tut es oder nicht. Entweder man malt oder man malt eben nicht. Ich denke, schlussendlich ist es so einfach.”
Vielleicht ist es genau diese simple und doch von großer Tragweite geprägte Herangehensweise, die Peter Piek als gut geölter Motor dient. Nachdem er sich zahllosen Kunstprojekten verschrieben hatte, nebenbei ein Kunststudium begann, dass er aber aufgrund der waltenden Konventionen kurz nach dem Vordiplom abbrach, kommt es im Jahre 2003 zum persönlichen Super-GAU. Die Fassade bröckelt und Peters Persönlichkeit spaltet sich zu dieser Zeit in drei Teile auf. Es ist ihm alles zu viel. Der Druck und das Streben nach Perfektion und Weiterentwicklung innerhalb der einzelnen Disziplinen, derer er sich verschrieben hat, fordern schlussendlich ihren Tribut. Erst drei Jahre später und nachdem die einzelnen Bruchstücke ihre eigenen Wege gegangen waren, kommt es zu einer mentalen Wiedervereinigung. Die wie in die Luft geschmissenen Schnipsel seines eigenen Daseins, welche zeitweise in alle vier Winde zerstreut waren, finden 2006 erneut zusammen und feiern ihre Wiedergeburt in einem deutlich stärkeren und weniger fragilen Peter Piek. Sein Debütalbum “Say Hello To Peter Piek” erscheint.
Welche Gefühle hast du in Bezug auf dein Debüt?
Say Hello to Peter Piek “Ich kann es nicht anhören. Ich kann die Platte nicht anhören. Ich denke aber trotzdem, dass es eine gute Platte ist. Sie ist gut. Aber sie ist eben auf eine Art und Weise gut, die dich herausfordert hinzuhören. Sie ist zu schief, als das du sie nebenher hören kannst. Sie nervt dich. Und das ist mit zuviel.”
Die beschriebene Zerspaltenheit der vorangegangen Tortur steckt dem Album tatsächlich in den Knochen. Es ist ein wackeliger Tanz auf knarrenden Dielen, den die zwölf Stücke auf “Say Hello To Peter Piek” eingehen. Da stolpert man teilweise unbeholfen über einen unebenen Klangteppich, während harte Gitarrenriffs, unbarmherzige Schlagzeugarrangements und die sehr eindringliche Stimme Peter Pieks um einen herum wüten und walzen. Ausgenommen einiger weniger Ruhemomente hetzt die Platte den Hörer so mitleidslos durch zahlreiche spitzkantige Songs. Wer da keinen allzu festen Stand beweist, der droht schon einmal hinzufallen. Willigt man jedoch ein und stellt sich der Herausforderung, für ein größeres Ziel einige Blessuren hinzunehmen, dann kann man in den vielen Aufs und Abs von “Say Hello To Peter Piek” eine wirklich einzigartigen Glanz erkennen.
Ähnliches gilt für den Nachfolger “I Paint It On A Wall” (2010). Langsam aber sicher beschleicht einen da der Verdacht, dass Peter Piek eine Vorliebe dafür zu haben scheint, sein Gegenüber mit einem riesigen Brocken Unverdaulichkeit zu konfrontieren, um anschließend beobachten zu können, wie dieses damit umgeht. “I Paint It On The Wall” erschlägt dich mit seiner Härte. Dass das wehtut, merkt man aber erst, wenn Tracks wie das wunderschöne “Elli” dafür sorgen, dass sich das entfachte Chaos für einen Moment beruhigen darf. Sanft streichelt der Track über das aufgewühlte, in Schweiß gebadete Gemüt. Wo “Say Hi To Peter Piek” jedoch noch uneins war, strahlt “Paint It On A Wall” durch seine Geschlossenheit. Unter der harten Schale finden sich zudem immer wieder sanfte Kerne, wie zum Beispiel bei “Underwater Death Song”, einer deutsch-englischen Rockballade, oder dem mit Folkeinschlag versehenen “Tree”. Peter Piek hat sein musikalisches Schaffen auf eine neue Klarheit begrenzt, die dennoch nicht vor Schrammen schützt.
„Vom Sound her war es ein Sprung von den 60ern zu den späten 90ern. Mit allen Vor- und Nachteilen.“
Deine neuste Platte trägt den Titel „Cut Out The Dying Stuff“. Weshalb?
“Die Erde, der Ort, wo wir leben, ist ein Paradies! Es ist ein unglaubliches Paradies. Für viele ist er aber auch Hölle und Qual. Wie kann das sein? Wie passiert das? Ich denke, dieser Ort könnte ein Paradies für alle sein. Für alle. Wenn wir es endlich schaffen, uns zu lieben. Wenn wir aufhören uns gegenseitig zu vernichten. Wenn wir aufhören unseren Planeten zu zerstören. Es ist eine Aufforderung hinzusehen. Eine Aufforderung Schönheit zu erkennen. Aber auch eine Aufforderung, sich dafür einzusetzen.”
Bei einer solchen Botschlaft liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Album um ein wesentlich ruhigeres und harmonisches Werk handeln dürfte, als es bei “Say Hi To Peter Piek” oder “I Paint It On A Wall” der Fall war. Und in der Tat siedeln sich die zwölf Stücke auf “Cut Off The Dying Stuff” (2013) in einem recht sanftmütigen Tonspektrum an. All die Hektik und Ungeschliffenheit, die man sonst musikalisch von Peter Piek gewohnt war, verliert sich gänzlich zwischen Tracks wie “Left Room” und “Analyse”. Als hätte das Meer die Spitzen eines Steines abgeschliffen, zeigt sich Piek als Songwriter nun von einer neuen, völlig unerwarteten Seite. Da möchte man tatsächlich die ganze Welt umarmen, sie mit Liebe überschwemmen und all den Hass und Groll vergessen machen.
Wo stehst du aktuell musikalisch?
„Ich hab so eine Idee von einem möglichem neuen Sound. Aber ich weiß noch nicht genau, wie das gehen wird und ob es gehen wird.“
Beim Song „Green“ ist neben dir auch die Sängerin Nanna Schannong zu hören. Was macht die Kollaboration mit einem anderen Künstler aus deiner Sicht interessant?
“Der Dialog. Die Sprache ist das, was uns Menschen von Tieren unterscheidet. Kunst ist Dialog. Da Dialog lebendig ist. Im Dialog können Dinge, Werke, Gedanken entstehen, die über Einzelpersonen hinausgehen. Ohne Nanna hätte ich diesen Song nicht schreiben können und sie, da bin ich mir sicher, “Green” auch nicht ohne mich. Für mich sind Bilder und Songs im besten Fall auch Lebewesen. Deshalb trete ich ja auch mit den Bildern und Songs beim Malen oder Schreiben in einen Dialog ein. Das Bild malt sich sozusagen auch selbst. Man muss auch zuhören und sehen, was ein Song will. Nicht was ich mit ihm will. Wollen behindert das Schaffen.”
Behindert hat sich Peter Piek bei der Produktion von “Cut Off The Dying Stuff” keinesfalls. Die pure Reinheit, die Essenz eines Austausches zwischen sich und den Themen, die ihn beschäftigen, hat die Platte zu einem wahren Kunststück werden lassen. Ob das auf einem Gedicht von Kollege und Freund Michael Goller basierende “Analyse”, das von einer Kindheitserinnerung inspirierte “Left Room” oder das geradezu leuchtende “Live Forever”, die Songs auf der Platte tragen eine unheimliche Wärme und Genügsamkeit in sich. Erstmalig in seiner Karriere lässt der Sänger zudem beiläufig seiner unheimlich markanten, leicht androgynen Stimme den Raum, der ihr von jeher zusteht.
Deine Stimme ist sehr einzigartig. Welche Reaktionen auf sie sind dir noch im Kopf?
“Das meine Stimme etwas Besonderes ist, das höre ich wirklich sehr oft. Ich versuche, mich darüber zu freuen. Aber ich kann mit Komplimenten leider wenig anfangen. Worte. Ich weiß einfach nicht, was sie für den Menschen bedeuten. Wenn man jemanden gut kennt, weiß man eher, was er damit meinen könnte. Wenn dir eine Person ein Kompliment macht, die du nicht kennst, kannst du nie wissen was sie eigentlich damit aussagen will. Was ist schon besonders? Besonders blöd, besonders toll, besonders besonders? Am liebsten ist es mir, wenn mich die Zuschauer nach dem Konzert umarmen. Das ist ein Kompliment, das ich verstehen kann. Oder, wenn sie eine CD kaufen. Dann verstehe ich, dass es jemand ernst meint mit mir und mich wirklich unterstützen will. Manchmal kommt auch die Reaktion, wie ich es schaffen konnte, mit dieser Stimme so unbekannt zu sein. Das ist dann eher traurig. Speziell zu sein hat vor und Nachteile.”
Kultmucke freut sich darüber, einen so “speziellen” Menschen dazu einladen zu dürfen, sich den vielen großartigen Musikern anzuschließen, die unsere “Kultverdächtig”-Playlist zu dem gemacht haben, was sie ist. Nämlich eine Demonstration für die Vielschichtigkeit unterschiedlichster Visionen von Ton und Klang.
Womit erfreust du uns?
“Ich habe lang überlegt, welchen Song ich wählen soll. Es gibt so viele tolle Songs. Und irgendwie macht es ja nur Sinn, wenn man mit dem Cover dem Stück etwas Neues versucht mitzugeben. Einen neuen Sound. Naja, da kam dann dieses Cover von Leonard Cohens “So Long Marianne” bei heraus.”
Peter Piek wäre jedoch nicht Peter Piek, wenn er nicht noch an der einen oder anderen Schraube etwas gedreht hätte. Schlussendlich wurde somit aus “So Long Marianne” kurzerhand “So Long Ariane” und auch die Lyrics hat der kreative Kopf hier und da ein wenig nachjustiert. Leonard Coen Fans mögen ihm diese künstlerische Freiheit bitte nachsehen.
Bevor nun dieser Artikel schließt, der sich wahrlich bemüht hat, die einzelnen Fasern des zuvor beschriebenen Schiffstaus durch ein viel zu kleines Nadelöhr zu pressen, soll noch darauf hingewiesen werden, dass Peter Piek auch als Co-Autor dreier Bücher tätig war. Die Heiland-Trilogie bestehend aus “Das Malbuch” (2004), “Die Puppenspieler” (2007) und “Die Neue Welt” (2009) ist kostenlos auf seiner Internetseite herunterzuladen.
„Es gibt so viele spannende Dinge auf dieser Welt! Es wimmelt gerade zu von tollen Sachen, die man entdecken kann! Und die sind überall. Ich finde, es braucht eine neue Definition von Kunst. Für mich ist das so, Kunst ist alles Lebendige.“
Kultverdächtig
Peter Piek muss sich nicht bemühen, kultverdächtig zu sein. Das gebündelte Talent, welches sich in dem hageren Mann aus Leipzig versammelt, ist per se schon derartig umfangreich und herausragend, dass man Tage, Wochen, ja sogar Monate damit ausfüllen könnte, dieses zu erforschen, um dann schließlich doch zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass es utopisch ist, darin einen roten Faden entdecken zu können. Der Mann macht, worauf er Lust hat und genau das ist auch sein Erfolgsrezept.
2013, www.kultmucke.de

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