Küchensession #255 | Hans Maria Richter

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„Das Eine wird durch Verwandlung das Andere, und in neuem Wechsel wird Dieses wieder zu Jenem.“

Worte, die vor geraumer Zeit ein gewisser Heraklit sprach, der bis heute für einen großen Denker gehalten wird und die zum einen die Profanität weiser Wort beweisen und zum anderen aber dennoch nicht gänzlich unpassend sind für die Verwandlung, die Knut Stenert im Laufe seiner Musiker-Laufbahn seit der ersten Samba-Platten im Jahr 1994 bis zum heutigen Tage durchgemacht hat.

Da passt es gut, dass er, statt wie andere musikalische Schicksalsgenossen mit 20 Jahre alten Erfolgsalben durchs Land zu touren, als Hans Maria Richter mit seinem neuen Album „Die Welt zu Gast beim Feind“ zurück auf Los geht und sich in die Rolle des zynischen Romantikers begibt, der es aufgegeben hat, an etwas festzuhalten, das sowieso allen zu entgleiten droht.

Ein weithin deutbarer Titel, der den Zerfall aller möglichen und unmöglichen Gesellschafts- und Denkebenen ebenso umfassen kann wie das schlichte Unwohlsein als Gast an der falschen Tafel – weil man sich durch die Entwicklungsstufen im menschlichen Lebensablauf eben auch still lärmend so weit voneinander entfernen kann, dass es nunmehr schmerzhaft ist, beisammen zu sein.

Durch den Kunstgriff, mit neuem Namen eine neue, möglicherweise eher unbeteiligte Position einzunehmen, entzieht Hans Maria Richter sich allzu starken Reflexen der Selbstkontrolle. Wer auch immer dieser Hans Maria ist, er vermittelt eine düstere Versöhnlichkeit, wirft einen spöttischen Blick auf die Alltagsmüdigkeit, die sich Altersmilde nennt.

„Mein Job ist gut und füllt mich aus wie eigene Kinder“ – ob hier ein sardonisch Gelächter gelacht wird oder tatsächlich der Einklang mit dem eigenen Weg besungen? Wer weiß. Der Falltüren sind all zu viele in diesen Texten, man muss eben nur hineinfallen.

Äquivalent zum neuen Antlitz stehen die von steinernem Zierrat und Ballast befreiten Kompositionen. „Krähen“ und „Bergauf“ beispielsweise sind die eingängigsten Ohrwürmer, die Stenert seit langem geschrieben hat, aufgeräumte und unprätentiöse – pardon – Hits für die Tanzdiele wie für die Heimdiskothek, derweil Stücke wie das unauffällig sich einschleichende „Die Synchronisation beginnt“ den Eindruck verstärken, als wäre die Häutung, in deren Anschluss ein Alter Ego sich unerkannt aufbäumen darf, die Befreiung gewesen, auf die diese Lieder nur gewartet haben.

Nicht zu unterschlagen ist auch die Arbeit der beiden zuverlässigen Tobiasse: zum einen die glasklare, hochkompetent austarierte Produktion von Tobias Siebert, der seit geraumer Zeit verantwortlich ist für den Sound Stenertscher Schallplatten; zum anderen das angenehm federnde, im Dienste eines jeden Liedes
stehende Schlagzeugspiel von Tobias Noormann (Mikroboy).

„Die Welt zu Gast beim Feind“ ist durch die ungewöhnlich unaufgeregte Haltung des ganzen Albums – auf textlicher wie musikalischer Ebene – im eitlen Geplärr dieser Tage schlicht eine Wohltat. Es scheint gar, „es riss uns am Riemen und befreite uns von Last“.

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