Küchensession #97 | Emma6

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Wurde auch Zeit. Dabei war die Funkstille keineswegs böse Absicht, sondern nur der Tatsache geschuldet, dass die Brüder Henrik und Peter Trevisan und ihr Familientherapeut Dominik Republik alle Hände voll zu tun hatten, die Dinge, die schon lange in ihren Köpfen herumschwirrten, in 3 1/2 Minuten zu verarbeiten. Nachdem nun nach über einjährigem Schreiben, Proben, Produzieren, Wegwerfen und Von-vorn-Beginnen 11 nagelneue Lieder das Licht der Welt erblickt haben, verstehen sich die drei Mittzwanziger immer noch prächtig und dürfen sich als gestandene Kapelle (wir schreiben das 8. Bandjahr) erlauben, kurz mit einem Kölsch anzustoßen, um danach taufrisch mit dem neuen Album „Passen“ an den Start zu gehen.

Rückblick: EMMA6 verlegten ihr Zuhause im Frühsommer 2012 kurzerhand von Köln nach Hamburg, wohnten standesgemäß zu dritt auf 34 Quadratmetern und stürzten sich in die Arbeit. Dieses Mal mit Freund, Produzent und Wir sind Helden-Gitarrist Mark Tavassol. Bereits vom ersten Tag an konnte sich jedes Mitglied der frisch gegründeten Studiofamilie voll entfalten. Es wurde gemeinsam gekocht, gegrillt, gereinigt, geklebt, gebohrt, Fußball gespielt, Olympia geguckt, Fußball geguckt, das Baby des Produzenten gesittet und – fast wäre es in Vergessenheit geraten – musiziert. Heraus kam neben vielen glücklichen Stunden, vegetarischem Fast Food, einem Feueralarm im gesamten Gebäudekomplex sowie dem Patent für eine mikrofonierte Babyschaukel schließlich auch ein neues Album, das nur bedingt mit seinem Vorgänger zu vergleichen ist.

Wenn „Soundtrack für dieses Jahr“ vor zwei Jahren als kompakte Einzimmerwohnung daherkam, erscheint „Passen“ eher wie eine WG. Dennoch ist es eine Einheit und eindeutig das spätere Album. Die Inhalte rücken noch mehr in den Vordergrund, die Bilder sind durchweg melancholisch und sehnsüchtig. Es geht um Anfänge und um das Beenden, um Wünsche und um schlichte, bewegende Feststellungen wie im Titelsong „Passen“ („Wir wollen uns nicht mehr – es wär leicht und schwer – einfach zu passen – lieben oder lassen“). Darunter liegen leise, elektronische Beats, androgyne Synthesizer, Rauschen und…schwer zu sagen, was da noch ist. Ist aber auch egal, es passt einfach. Die Musik gesellt sich zum Gesagten, ist die Stimme des Ungesagten. Die Bilder sind konkret genug für eine erste Assoziation, aber nicht so durchschaubar, dass es einem die Freude am zweiten, dritten und vierten Hören nehmen würde. So auch bei der ersten Singleauskopplung „Wie es nie war“, einem getanzten Gitarrenbrett, das mit seiner Wortgewalt („Kann ein Herz aus Gold sein – wenn es einfach rostet?“) und seinem schmatzenden Schlagzeug die Untiefen des Pop weiträumig umschifft, um trotzdem genau da anzukommen, wo es lange bleiben wird, nämlich im Ohr. Und das geht auch ganz leise wie beim beherzten Akustiksong „Fast“ und ganz laut mit einem Augenzwinkern wie bei „Ich hab die Band zuerst gekannt“, einer charmant-klugen Beobachtung der deutschen Musiklandschaft, in der EMMA6 spätestens jetzt nicht mehr als Newcomer (der Leser denke sich die Gänsefüßchen) abgestempelt werden können. Diese Band ist erwachsen geworden.

Fassen wir also zusammen: In einer Zeit, in der Plattenverträge schwer zu ergattern und noch viel schwerer zu behalten sind, in der sich selbst gestandene Kollegen dabei erwischen, sicherheitshalber immer mit den gleichen 4 Akkorden zu arbeiten, in dieser Zeit präsentieren EMMA6 ihr zweites Album. Und, war es schwer? Nein, sagen die drei, man müsse sich nur immer wieder vor Augen halten, dass das zweite Album immer das zweite sei. Und sind wir mal ehrlich, dieser fast ein bisschen dadaistisch anmutende Pragmatismus ist vielleicht die beste Einstellung, die man haben kann. Denn ein zweites Album muss man respektlos anfassen, man muss Neues ausprobieren und darf sich umgotteswillennochmal bloß nicht wiederholen. EMMA6 haben all das hinbekommen.

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