Küchensession #157 | Balbina

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Balbinas Welt liegt versteckt, gleich hinter der Realität…

… doch wenn man etwas unscharf hinsieht, dann kann man sie erahnen: „Durch die Gardine fällt das Licht gerade so, ein in die Wohnung, dass auf der Tapete, Sterne tanzen“, denn die Schatten des Vorhangs bilden geheime Zeichen an der Wand, die Heizungsrohre flüstern geheime Botschaften und das Pfeifen des Teekessels summt eine Melodie.

Die Dinge haben eine Seele und Balbina kann sie sehen.

Dabei waren die Umstände, in denen Balbina aufwuchs, sehr unkünstlerisch und recht unmusikalisch. Ihre Mama hatte gerade einmal eine Handvoll Kassetten, worunter sich auch eine befand, die Balbinas Aufmerksamkeit auf sich zog: „ABBA The Greatest Hits“. Wenn man bei dem alten Mono Kassettenrecorder auf play drückte, dann lief genau das. Rauf und runter, unentwegt und bereits damals wusste Balbina, dass sie eines Tages ebenfalls Musik machen würde. Sie würde Lieder komponieren und Texte schreiben, genau wie diese zwei Männer, die da auf dem Cover der Kassette zu sehen waren. Sie würde Musik machen, dessen war sie sich ganz sicher, doch wem sollte sie davon erzählen? Ihrer Mutter? Sie traute sich nicht, denn wenn die Mama abends von der Arbeit kam, dachte Balbina, dass eine zwei in Geographie bestimmt viel wertvoller sei und ihre Mutter sicher glücklicher machen würde. Also erzählte sie von Geo und Mathe anstatt davon, dass sie wieder einmal den ganzen Nachmittag lang im Badezimmer an ein und derselben Gesangspassage geübt hatte. Oder sollte sie den Hort Erzieherinnen davon erzählen, dass sie Lieder schreiben und singen wollte? Die waren doch eh schon genervt von Balbinas Drang, dauernd Aufführungen inszenieren zu wollen und davon, dass das verträumte Mädchen mit der Brille ständig gegen Laternen lief. Wenn sie neue Songs geschrieben hatte für eine eigene Peter Pan Version, die Show durchorganisierte und ihre Mitschülerinnen für Rollen besetzte, dann hieß es: „Balbina, wir haben die Puppenecke und das reicht. Da kommt kein Podest rein. Wenn du Aufführungen machen willst, dann frag deine Mutter, ob du einen Kurs bei der Volkshochschule machen kannst. Hier geht das nicht.“ Doch an der Volkshochschule gab es nur Kurse für Erwachsene.

Unkonzentriert sei sie, abwesend und oftmals viel zu zappelig, attestierten ihr Grund- und Oberschullehrer, worauf sie sich zurückzog und einordnete. Was hätte sie auch anderes machen können? Nachmittags aber, wenn ihre Mutter bei der Arbeit war, schnappte sie sich die Whitney Houston Aufnahmen aus dem Radio und übte so lange, bis sie die Songs ungefähr so singen konnte, wie die Frau aus Amerika. Nachmittags ohne die anderen, las sie Märchenbücher, versetzte sich in Traumwelten, ließ Eis auf den Bäumen am Straßenrand wachsen und wanderte durch das magische Tor über den Regenbogen. Balbinas Welt war nicht von dieser Welt und ihr Erleben war so stark, dass mancher vielleicht denken konnte, sie würde nie wieder zurückkehren. Doch solange sie ihre Schulaufgaben ordentlich machte, war alles in Ordnung. Und die machte sie. Tagtäglich.

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